Wer viel reist oder in mehreren Ländern lebt, entwickelt irgendwann einen besonderen Blick auf die Welt. Man sieht nicht mehr nur, wie Dinge funktionieren, sondern vor allem, wie unterschiedlich sie funktionieren.
Ich lebe und arbeite seit vielen Jahren zwischen Bonn und Kapstadt. Davor habe ich lange Zeit in Australien verbracht. Als Ingenieur betrachte ich die Welt durch die technische Brille, als Projektmanager durch die Management-Brille.
Und genau deshalb überrascht mich eines immer wieder: Wie oft Deutschland glaubt, bereits die beste Lösung gefunden zu haben.
Dabei entstehen viele der spannendsten Ideen längst außerhalb unserer Landesgrenzen. Einer meiner Unternehmensziele ist: Erfolgreiche Methoden aus anderen Ländern gebündelt nutzbar zu machen, weil wir in Deutschland nicht über alle Informationen und Methoden verfügen können. Anstatt sich international auf die Suche machen zu müssen, Methoden zu finden um effizienteres Projektmanagement und Führung zu betreiben, ist der Weg über mich oft der schnellere.
Das Problem ist selten die Technologie
Als Deutscher denkt man häufig, Fortschritt sei vor allem eine Frage der Technik. Meine Erfahrung ist eine andere. Technologie ist selten das Problem.
Das Problem ist meistens das Denken. Nehmen wir Glasfaser Internet als Beispiel. In vielen Regionen Südafrikas war Glasfaser bereits verfügbar, als in Deutschland noch darüber diskutiert wurde. Als ich 2025 in Bonn darauf wartete, dass meine Straße angeschlossen wird, nutzte ich in Kapstadt seit vielen Jahren schnelles Internet als Selbstverständlichkeit (dort in Teilen seit 2009).
Oder bargeldloses Bezahlen. In vielen Ländern läuft nahezu der gesamte Alltag digital. Schnell, unkompliziert und kundenorientiert. Nicht weil die Technologie besser wäre, sondern weil man sie nutzt. Der Unterschied ist gewaltig.
In Australien z.B. kann jeder Arbeitnehmer über einen Teil seiner Rentenbeiträge mitentscheiden, ob diese in ETF oder Aktienpakete angelegt werden sollen – bei uns fängt man langsam an, darüber nachzudenken.
So könnte ich jetzt viele Beispiele aufführen, sei es Solarenergie, Wasserversorgung oder USV (Unterbrechungsfreie Stromversorgung), in den genannten Ländern sind viele Haushalte bereits autark und sensibilisiert. Davon ließe sich hier einiges umsetzen, ohne große Entwicklung.
Fortschritt beginnt mit einer Frage
Die meisten Unternehmen beginnen Projekte mit der Frage: „Wie machen wir das?“ Die erfolgreicheren Unternehmen beginnen mit einer anderen Frage: „Warum machen wir das überhaupt?“
Diese kleine Änderung verändert alles. Denn wer zuerst das Warum versteht, findet häufig einfachere Wege zum Ziel. Wer sofort in Prozesse einsteigt, produziert oft nur bessere Bürokratie.
Warum manche Länder pragmatischer sind
In Südafrika kommuniziere ich mit Ärzten, Dienstleistern und Unternehmen häufig direkt über WhatsApp. Termine werden schnell vereinbart. Informationen werden unkompliziert ausgetauscht (DSGVO erlebe ich in Deutschland oft als Ausrede, nicht als das, wofür es gemacht ist).
Rechnungen kommen digital und das Bezahlen erfolgt ebenso digital.
Der Fokus liegt auf dem Ergebnis. Nicht auf dem Prozess. Genau hier liegt eine wichtige Lektion für Unternehmen: Kunden kaufen keine Prozesse. Sie kaufen Lösungen. Je einfacher der Weg zur Lösung ist, desto höher ist meistens die Akzeptanz.
Das größte Risiko heißt unbekanntes Unwissen
Rumsfeld hat dies in seiner Rumsfeld-Matrix sehr gut beschrieben, unbekanntes Unwissen! In Projekten begegnet mir immer wieder derselbe Fehler:
Teams suchen Antworten auf Fragen, die sie bereits kennen. Die eigentliche Gefahr liegt jedoch woanders. Bei den Dingen, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen. Genau deshalb ist internationale Perspektive so wertvoll.
Wer nur in seinem eigenen Markt denkt, findet oft nur bekannte Lösungen. Wer über Länder-, Branchen- und Kulturgrenzen hinweg schaut, entdeckt völlig neue Möglichkeiten. Das reduziert Risiken, beschleunigt Entscheidungen und verbessert die Ergebnisse.
Deutschland ist nicht das Problem
Bevor hier Missverständnisse entstehen, ich bin ein großer Fan deutscher Unternehmen, denn wir verfügen über enorme Stärken: Neben Tupperdose und Birkenstock mit weißen Socken (das erlebe ich oft), sind wir vor allem für Zuverlässigkeit, Qualität, Struktur, Verbindlichkeit und für direkte Kommunikation bekannt.
Gerade unsere Direktheit wird international oft unterschätzt (und gefällt mir persönlich sehr gut, stößt aber andere Kulturen manchmal etwas vor den Kopf).
Während anderswo lange um den heißen Brei geredet wird, kommen wir häufig schnell auf den Punkt. Das ist ein Wettbewerbsvorteil. Aber kein Land besitzt die Masterlösung. Die Kunst besteht darin, die besten Ideen aus allen Welten zu kombinieren. Sozusagen das beste von Allem, wenn das jedes Land tun würde, hätten wir einen enormen globalen Vorteil.
Die Unternehmen der Zukunft denken global
Die erfolgreichsten Organisationen bauen keinen höheren Zaun um ihr Wissen. Sie vergrößern ihren Werkzeugkasten, sammeln Methoden und lernen von anderen Märkten.
Sie übernehmen erfolgreiche Ansätze schneller und sind bereit, ihre bisherigen Denkmuster infrage zu stellen. Genau darum geht es in unseren Trainings, Workshops und Transformationen (Bitte erlaubt mir die kleine Werbung an dieser Stelle).
Es geht nicht darum, mehr Wissen anzuhäufen, Sondern die richtigen Fragen zu stellen. Denn Performance entsteht selten durch mehr Informationen. Performance entsteht durch bessere Entscheidungen.
Mein Fazit
Nach vielen Jahren zwischen Deutschland, Südafrika und Australien bin ich von einer Sache überzeugt: Fortschritt ist weniger eine Frage der Technologie als eine Frage des Mindsets.
Die besten Ideen entstehen häufig dort, wo Menschen neugierig bleiben. Wo sie bereit sind, dazuzulernen und wo sie akzeptieren, dass gute Lösungen überall auf der Welt entstehen können. Dafür braucht es Mitarbeitende, die neue Lösungen wollen und wissen wie sich diese finden lassen!
Oder um es mit einer Weisheit aus dem Spitzensport zu sagen:
Gewonnen und verloren wird zwischen den Ohren. Und genau dort beginnt auch Innovation.

